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|---|---|---|---|---|---|---|
| true | gaia | true | Grundlagen IT- und Internettechnik (223015c) | Michael Czechowski – HdM Stuttgart – SoSe 2026 | Kapitel 1: Geschichte, Grundlagen & HTML |
Grundlagen IT- und Internettechnik
223015c · Modul "Technik 1" · 1. Semester Digital- und Medienwirtschaft Hochschule der Medien Stuttgart
Sommersemester 2026
https://librete.ch/hdm/223015c/
Kursübersicht
Kapitel:
- Geschichte, Grundlagen & HTML
- Netzwerke, Protokolle, semantisches HTML & CSS
- Interaktivität, Animationen & JavaScript
Ziel: "Gelernte Hilflosigkeit" ablegen
Ressourcen zum Selbstlernen
- CODE CRISPIES: https://codecrispi.es/
- Online Code-Editor: https://codepen.io/pen/
- MDN (Mozilla Developer Network): https://developer.mozilla.org/de/
- Flexbox-Spiel: https://flexboxfroggy.com/
- Grid-Spiel: https://cssgridgarden.com/
Kapitel 1
Geschichte, Grundlagen & HTML
Die Geschichte des Computers
Vom ersten Algorithmus bis zum globalen Netzwerk
Ada Lovelace (1815–1852)
Die erste Programmiererin der Welt
- Erste Programmiererin – 100 Jahre vor dem ersten Computer
- Zusammenarbeit mit Charles Babbage an der Analytical Engine
- Ihre Notizen: umfangreicher als sein Originaltext
- Erst 1953 wiederentdeckt und gewürdigt
Herman Hollerith (1860–1929)
Erfinder der Lochkarten-Datenverarbeitung
- Problem: Volkszählung 1880 brauchte 7 Jahre zur Auswertung
- Lösung: Lochkarten + elektromechanische Tabelliermaschine
- Ergebnis: 1890 Census in 2,5 Jahren – 5 Mio. Dollar gespart
- Gründete Firma, die später zu IBM wurde
Die Geburt von IBM
Vom Einmannbetrieb zum Technologieriesen
- 1896: Hollerith gründet Tabulating Machine Company
- 1911: Fusion zur Computing-Tabulating-Recording Company (CTR)
- 1924: Umbenennung in International Business Machines (IBM)
- Dominiert die nächsten 50 Jahre die Computerwelt
IBM und NS-Deutschland
Technologie im Dienst des Terrors
- Dehomag: Deutsche Hollerith-Maschinen GmbH (IBM-Tochter)
- Volkszählung 1933: Identifikation von Juden
- Verwaltung der Konzentrationslager
- Logistik der Deportationen
→ Edwin Black: "IBM and the Holocaust" (2001)
Vom Ende des Zweiten Weltkriegs
Geburt des modernen Computers
Alan Turing (1912–1954)
Begründer der theoretischen Informatik
- 1936: Turing-Maschine – definiert, was Computer können (und was nicht)
- 1940er: Enigma-Entschlüsselung mit elektromechanischen Maschinen
- 1950: Turing-Test – erste formale Definition von "Künstlicher Intelligenz"
Das Manhattan-Projekt (1942–1945)
Problem: Millionen von Berechnungen nötig für:
- Ballistik-Berechnungen
- Implosions-Simulationen
- Nuklearphysik-Gleichungen
Lösung 1943: Menschliche "Computer" → Mathematikerinnen mit Taschenrechnern & IBM-Lochkarten
Zu langsam → Bedarf an automatischer Berechnung
Schlüsselfigur: John von Neumann (Mathematik & Stoßwellen)
John von Neumann (1903–1957)
- Geboren in Budapest, Österreich-Ungarn
- Mit 8: Konnte Telefonbücher auswendig
- Mit 22: Doktor in Mathematik
Beiträge:
- Quantenmechanik
- Spieltheorie
- Computerarchitektur
ENIAC (1945)
Electronic Numerical Integrator and Computer
- 30 Tonnen, 167 m² Fläche
- 18.000 Vakuumröhren
- 5.000 Additionen pro Sekunde
- Programmierung durch Umstecken von Kabeln
Problem: Bei jedem neuen Problem → Wochen Umverkabelung
Von-Neumann-Architektur (1945)
Die zentrale Idee: Programme und Daten im selben Speicher
Vorher (z.B. ENIAC): Programme durch Umstecken von Kabeln → Tagelange Arbeit für jedes neue Problem
Nachher: Programme als austauschbare Daten im Speicher → Grundlage aller Computer: Laptop, Smartphone, Server
Von-Neumann: 5 Komponenten
| Komponente | Funktion |
|---|---|
| Rechenwerk (ALU) | Führt Berechnungen durch |
| Steuerwerk | Interpretiert Befehle, steuert Ablauf |
| Speicherwerk | Speichert Programme UND Daten |
| Ein-/Ausgabe | Tastatur, Bildschirm, Netzwerk |
| Bus-System | Verbindet alle Komponenten |
Von-Neumann-Architektur: Bedeutung
Ohne Von-Neumann-Architektur:
- Kein Betriebssystem
- Keine Apps
- Kein Multitasking
- Keine Updates bzw. Veränderungen am Computer System
Die meisten Computer basieren auf diesem Prinzip: Laptop, Smartphone, Server, Spielkonsole...
Ausnahme: Mikrocontroller & DSPs nutzen oft die Harvard-Architektur (separate Speicher für Code und Daten → schneller für Echtzeitanwendungen)
Grace Hopper (1906–1992)
"Amazing Grace" – Pionierin der Softwareentwicklung
- 1944: Programmierte den Mark I (Harvard)
- 1952: Entwickelte den ersten Compiler (A-0)
- 1959: Mitentwicklung von COBOL
- Rear Admiral der US Navy
Der erste "Bug": 1947 fand sie eine echte Motte im Mark II → "Debugging" wurde zum Begriff
Assembler (1947)
Die erste Stufe über Maschinencode
- Erfunden von Kathleen Booth (Birkbeck College, London)
- Mnemonische Befehle statt Binärzahlen (
MOV,ADD,JMP) - Jeder Befehl entspricht direkt einer CPU-Instruktion
- Hardwarenah, aber für Menschen lesbar
Fun Fact: Chris Sawyer schrieb RollerCoaster Tycoon (1999) fast komplett in x86-Assembly
Fortran (1957)
Die erste höhere Programmiersprache
- Entwickelt bei IBM unter John Backus
- Im Team: Lois Haibt – verantwortlich für die Control-Flow-Analyse
- Name: Formula Translator
- Ziel: Mathematische Formeln direkt als Code schreiben
- Revolutionär: ~20 Assembler-Befehle → 1 Fortran-Zeile
- Noch heute genutzt in Wissenschaft und Hochleistungsrechnen
Margaret Hamilton (*1936)
Pionierin des Software Engineering
- 1965–1969: Leitete das Software-Team am MIT für Apollo
- Entwickelte die Flugsoftware für Apollo 11
- Prägte den Begriff "Software Engineering"
- Software verhinderte Abbruch der Mondlandung
Apollo 11 (1969): Ihre Fehlererkennung rettete die Mission, als der Computer überlastet wurde
Lektionen für heute
Technologie ist nie neutral
- Big Data ermöglicht Massenüberwachung
- KI-Systeme übernehmen Entscheidungen über Menschen
- Social Media schädigt die psychische Gesundheit Minderjähriger
- PimEyes: RAF-Terroristin in 30 Minuten gefunden – Polizei brauchte 30 Jahre
→ Verantwortung liegt bei denen, die Technologie bauen und einsetzen
Vom Militär zum Netz
Die Entstehung des Internets
Kalter Krieg: Das Problem der Kommunikation
1957: Sputnik-Schock → USA investiert massiv in Forschung → ARPA (Advanced Research Projects Agency) wird gegründet
Das Problem: Zentrale Netzwerke sind verwundbar → Ein Treffer = gesamte Kommunikation tot
Die Idee (Paul Baran, 1964): Packet Switching → Nachrichten in kleine Pakete aufteilen → Jedes Paket findet seinen eigenen Weg → Kein einzelner Punkt kann das Netz zerstören
Internet-Timeline
| Jahr | Meilenstein |
|---|---|
| 1966 | ARPANET-Projekt startet |
| 1969 | Erste Verbindung: UCLA <-> Stanford |
| 1974 | TCP/IP-Protokoll entwickelt |
| 1983 | ARPANET wechselt zu TCP/IP |
| 1989 | Tim Berners-Lee erfindet das WWW |
| 1993 | Erster grafischer Browser (Mosaic) |
| 1995 | Kommerzialisierung, Amazon/eBay gegründet |
Das WWW (1989)
Tim Berners-Lee am CERN (Genf)
Problem: WissenschaftlerInnen können Dokumente nicht verlinken
Lösung:
- HTML – Auszeichnungssprache für Dokumente
- HTTP – Protokoll zum Übertragen
- URL – Eindeutige Adressen
1991: Erste Webseite geht online
1,3 Millionen Kilometer Unterseekabel
Heute:
- 5,5 Milliarden Menschen online
- >400 Unterseekabel weltweit
- Daten reisen mit Lichtgeschwindigkeit (Glasfaser)
Keine "Cloud" ohne Kabel – das Internet ist physische Infrastruktur.
Five Eyes (USA, UK, Kanada, Australien, Neuseeland): → Zapfen Unterseekabel an – globale Massenüberwachung
Bits & Bytes
Die Sprache der Computer
Das Bit
Kleinste logische Informationseinheit
- 0 oder 1
- AN oder AUS
- Strom fließt oder nicht
BIT = Binary DigIT (Binärziffer) Geprägt 1948 von Claude Shannon
Das Byte
8 Bit = 1 Byte
0 0 1 0 1 0 1 0
Wie viele Kombinationen? 2⁸ = 256 Möglichkeiten (0-255)
Was kann man mit 256 Zuständen machen?
- 256 Zeichen (Buchstaben, Zahlen, Symbole)
- 256 Graustufen (0 = Schwarz, 255 = Weiß)
- 256 Lautstärkestufen
- Zahlen 0-255
Für Farbe: 3 Bytes pro Pixel (RGB) R=0-255, G=0-255, B=0-255 → 16,7 Millionen Farben
Zahlensysteme
Eine Ziffer — wie viele Werte?
| System | Basis | Ziffern | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Dezimal | 10 | 0-9 | 42 = 4×10 + 2 |
| Binär | 2 | 0-1 | 101010 = 42 |
| Hexadezimal | 16 | 0-F | 2A = 2×16 + 10 |
→ Alle drei beschreiben dieselbe Zahl: 42
Hexadezimal: Lesbarkeit
Für den Menschen ungeeignet:
01001101 01010000 00110011
Hexadezimal (Base 16):
4D 50 33 (= "MP3" in ASCII)
Jede Hex-Ziffer = 4 Bits (ein "Nibble") 0-9, A-F (A=10, B=11, ..., F=15)
4 = 0100 D = 1101
5 = 0101 0 = 0000
3 = 0011 3 = 0011
Wo begegnet Ihnen Hex-Code?
| Kontext | Beispiel |
|---|---|
| CSS-Farben | #FF5733 |
| MAC-Adressen | 00:1A:2B:3C:4D:5E |
| Fehlercodes | 0x80070005 |
| Speicheradressen | 0xA04F20 |
| Unicode | U+00E4 (ä) |
Bit vs. Byte: Die Verwirrung
1 Byte = 8 Bit → Bit ÷ 8 = Byte
| Einheit (Bit) | Einheit (Byte) |
|---|---|
| 1 Kbit = 1.000 Bit | 1 KB = 1.000 Byte = 8.000 Bit |
| 1 Mbit = 1.000.000 Bit | 1 MB = 1.000.000 Byte = 8 Mbit |
| 1 Gbit = 1 Mrd. Bit | 1 GB = 1 Mrd. Byte = 8 Gbit |
100 Mbit/s Bandbreite = 12,5 MB/s Downloadrate
Unsere erste Webseite
HTML-Grundlagen
Was ist HTML? (1/2)
HyperText Markup Language
- Keine Programmiersprache
- Am ehesten eine Formattierungssprache
- Beschreibt Struktur und Aufbau einer Webseite
-
<p>Das ist ein Absatz.</p> <input type="date"/>
-
Was ist HTML? (2/2)
- Mit HTML werden HTML-Dokumente beschrieben (bspw.
index.html) - Ein HTML-Dokument beschreibt das/den
Document Object Model (DOM) - Der DOM ist eine hierarchische Baumstruktur (Kind- und Elternelemente)
- parent nodes / elements
- child nodes / elements
- sibling nodes / elements
- Während wir in HTML von Elementen bzw. elements sprechen, so werden sie in JavaScript (JS) eher als nodes gelesen.
HTML-Anatomie (1/2)
Formattierungssprache
- HTML folgt einer strengen Syntax zur Formattieren von digitalen Inhalten
- Syntax:
<element attribute="value"> ... </element> - Öffnende und schließende HTML-Tags müssen identisch sein
- Das schließende Tag muss ein
/nach der Spitzenklammer haben
- Syntax:
HTML-Anatomie (2/2)
- Wir unterscheiden zwischen umschließende und selbst-schließende HTML-Tags
- Umschließend
<b> ... </b>fett-gedruckter Text (inline)<a> ... </a>Hyperlink (Verlinkung zu anderen Webseiten, Bildern)<body> ... </body>Sichtbarer Teil eines HTML-Dokuments<details> ... </details>Collapsable / Akkordion / Aufklapp-Text
- Selbst-schließend
<img />Bild, Vektorgrafik etc.<input />Eingabefeld<meta />Metadaten
- Umschließend
Darstellungsebene und Metadaten
<html>
<head>
METADATEN
</head>
<body>
DARSTELLUNGSEBENE
</body>
</html>
- Ein HTML-Dokument besteht grundsätzlich aus zwei Teilen:
<head> ... </head>Metadaten für den Browser, zum Teilen, für Suchmaschinen<body> ... </body>Darzustellender Inhalt, Text, Formulare
HTML Metadaten
<html>
<head>
<title>HdM Webseite - Hochschule der Medien</title>
<meta name="description" content="Studieren. Wissen. Machen." />
<meta name="og:image" content="https://...." />
...
</head>
...
</html>
Webseiten besuchen nicht nur Menschen, sondern auch Suchmaschinen, Bots, Screen-Reader. Metadaten helfen beim "Verstehen" der Inhalte.
HTML Metadaten – Vertiefung
Der <head>-Bereich enthält Informationen über das Dokument, nicht den sichtbaren Inhalt. Diese Metadaten steuern Browser-Verhalten, Suchmaschinen-Indexierung und Social-Media-Vorschauen.
Kritische Meta-Tags:
| Tag | Funktion | Beispiel |
|---|---|---|
<title> |
Browser-Tab, Suchergebnis-Titel | <title>HdM Stuttgart</title> |
<meta charset> |
Zeichenkodierung (Umlaute!) | <meta charset="UTF-8"> |
<meta viewport> |
Mobile Darstellung | width=device-width, initial-scale=1 |
<meta description> |
Suchergebnis-Snippet (max 160 Zeichen) | SEO-kritisch |
Open Graph Protocol (Ehemals Facebook, 2010):
<meta property="og:title" content="Artikel-Titel">
<meta property="og:image" content="https://example.com/preview.jpg">
Steuert die Vorschau beim Teilen auf Mastodon, LinkedIn, Signal, MS Teams, Slack ...
SEO-Relevanz: Google nutzt <title> und <meta description> für Ranking und Snippet-Anzeige. Fehlende Metadaten = schlechtere Auffindbarkeit.
HTML-Tags und Attribute
<body>
<p class="wichtig">Das ist ein wichtiger Absatz.</p>
<p>Das ist ein gewöhnlicher Absatz.</p>
</body>
| Teil | Bezeichnung |
|---|---|
<p> |
Opening Tag (öffnendes Tag) |
class="wichtig" |
Attribut |
Das ist ein wichtiger Absatz. |
Inhalt |
</p> |
Closing Tag (schließendes Tag) |
HTML-Tags und Attribute (selbst-schließend)
<input type="" />
| Teil | Bezeichnung |
|---|---|
<input ... |
Eingabefeld |
type="date" |
Attribut type mit dem Wert date |
... /> |
Schließendes / im (öffnenden) Tag enthalten |
Vollständiges Grundgerüst
<!DOCTYPE html>
<html lang="de">
<head>
<title>Portfolio von ...</title>
<meta name="description" content="Hier gibt es die besten ..." />
<meta name="og:image" content="https://...." />
</head>
<body>
<h1>Hallo Welt!</h1>
<p>Das ist mein erster Absatz.</p>
</body>
</html>
Die wichtigsten Tags
| Tag | Bedeutung |
|---|---|
<h1> bis <h6> |
Überschriften (h1 = größte) |
<p> |
Absatz (Paragraph) |
<a href="..."> ... </a> |
Hyper-Link |
<img src="..."/> |
Bild |
<ul>, <ol>, <li> |
Listen |
<div> |
Container/Box |
<span> |
Inline-Container |
<input type="..."> |
Eingabefeld/Input |
Natives HTML
Was noch üblicherweise mit Skriptsprachen wie JavaScript und anderen umgesetzt werden musste, kann nun HTML selber. Wer dieses dennoch verwendet, hat das einen sog. "Code smell".
| Funktion | HTML-Element |
|---|---|
| Aufklapp-Text | <details> + <summary> |
| Popup/Modal | <dialog> |
| Fortschrittsbalken | <progress> |
| Datum-Auswahl | <input type="date"> |
| Validierung | Attribute beliebig verknüpfbar required, min, max |
Beispiel: Details/Summary
Akkordion · Accordion · Aufklappmenü · Collapsible · Collapsable · Expandible
<details>
<summary>Klick mich!</summary>
<p>Dieser Text ist versteckt.</p>
</details>
Dokumentation auf developer.mozilla.org
Beispiel: Details/Summary (geöffnet)
<details open>
<summary>Klick mich!</summary>
<p>Dieser Text war versteckt.</p>
</details>
Dokumentation auf developer.mozilla.org
Beispiel: Button
<button>Add to favorites</button>
Dokumentation auf developer.mozilla.org
Beispiel: Input/Eingabefeld
<input
type="text"
maxlength="8"
size="10" />
Dokumentation auf developer.mozilla.org
Beispiel: Dialog
Modal · Modales Fenster · Popup · Popup-Fenster · Overlay · Dialogfenster
<dialog open>
<p>Greetings, one and all!</p>
<form method="dialog">
<button>OK</button>
</form>
</dialog>
Dokumentation auf developer.mozilla.org
"Barrierefreiheit"
Accessibility (a11y)
Wie nutzen Menschen das Web?
Wie nutzen Menschen das Web?
| Eingabe | Nutzungsweise |
|---|---|
| Maus | Klicken, Scrollen |
| Tastatur | Tab-Navigation, Enter, Pfeiltasten |
| Screenreader | Vorlesen von Inhalten (NVDA, VoiceOver, JAWS) |
| Sprachsteuerung | "Klicke auf Anmelden" |
| Augensteuerung | Eye-Tracking |
| Switch-Geräte | Ein-/Aus-Schalter |
→ Nicht alle Menschen nutzen Maus oder Touchscreens gleichermaßen.
Web-Zugänglichkeit – Vertiefung
a11y = Accessibility (a + 11 Buchstaben + y). Die WHO schätzt, dass 15% der Weltbevölkerung eine Behinderung haben – das sind über 1 Milliarde potenzielle NutzerInnen.
Arten von Einschränkungen:
| Typ | Permanent | Temporär | Situativ |
|---|---|---|---|
| Visuell | Blindheit | Nach Augen-OP | Grelle Sonne |
| Motorisch | Amputation | Gebrochener Arm | Baby auf dem Arm |
| Auditiv | Taubheit | Ohrenentzündung | Laute Umgebung |
| Kognitiv | Legasthenie | Müdigkeit | Ablenkung |
Assistive Technologien:
- Screenreader: NVDA (Windows, kostenlos), VoiceOver (Apple, integriert), JAWS (kommerziell)
- Braillezeilen: Taktile Ausgabe, ~40–80 Zeichen
- Switch-Geräte: Ein-Knopf-Steuerung für motorische Einschränkungen
- Eye-Tracking: Blicksteuerung für Bewegungsunfähige
Screenreader lesen den DOM sequenziell – semantisches HTML (<nav>, <main>, <button>) ermöglicht Navigation per Tastenkürzel.
Warum "Barrierefreiheit"?
Rechtlich:
- EU: European Accessibility Act (seit Juni 2025 in Kraft!)
- DE: BITV 2.0 (Behörden), Privatwirtschaft betroffen
Ethisch:
- Teilhabe für alle Menschen
- Digitale Inklusion
Praktisch:
- Bessere UX für alle (SEO, Mobile, ältere Menschen)
- Größerer Markt (~15% der Bevölkerung)
Rechtliche Anforderungen – Vertiefung
Der European Accessibility Act (EAA) trat am 28. Juni 2025 in Kraft und betrifft erstmals auch private Unternehmen – nicht nur öffentliche Stellen.
Betroffene Sektoren:
- E-Commerce (Online-Shops)
- Bankdienstleistungen
- Telekommunikation
- E-Books und E-Reader
- Ticketing und Check-in-Terminals
WCAG 2.2 – Konformitätsstufen:
| Level | Anforderung | Beispiel |
|---|---|---|
| A | Minimum | Alt-Texte für Bilder |
| AA | Gesetzlicher Standard | Kontrast 4,5:1, Tastaturnavigation |
| AAA | Optimal | Gebärdensprache für Videos |
Sanktionen: Bis zu 100.000 € Bußgeld bei Verstößen
Curb-Cut-Effekt: Barrierefreiheit hilft allen. Bordsteinabsenkungen für Rollstühle nutzen auch Kinderwagen, Rollkoffer, Fahrräder. Untertitel helfen Gehörlosen, aber auch in lauten Umgebungen oder beim Sprachlernen.
WCAG: Der Standard
Web Content Accessibility Guidelines
4 Prinzipien (POUR):
| Prinzip | Bedeutung |
|---|---|
| Perceivable | Wahrnehmbar – Inhalte müssen erkennbar sein |
| Operable | Bedienbar – Funktionen müssen nutzbar sein |
| Understandable | Verständlich – Inhalte müssen klar sein |
| Robust | Robust – Funktioniert mit verschiedenen Technologien |
Perceivable: Wahrnehmbar
Textalternativen für Nicht-Text:
<img src="team.jpg" alt="Unser Team bei der Weihnachtsfeier 2024">
- Kontrast: Mindestens 4,5:1 für Text
- Untertitel: Videos brauchen Captions
- Responsive: Inhalte bei 200% Zoom nutzbar
Operable: Bedienbar
Tastaturzugänglich:
/* Fokus-Indikator NIE entfernen! */
:focus {
outline: 2px solid blue;
outline-offset: 2px;
}
/* Wenn custom styling: */
button:focus-visible {
box-shadow: 0 0 0 3px rgba(0, 100, 255, 0.5);
}
Genügend Zeit: Session-Timeouts ankündigen, Verlängerung ermöglichen
Kein Flackern: max. 3×/Sekunde (schützt vor epileptischen Anfällen)
Understandable: Verständlich
Sprache angeben:
<html lang="de">
Konsistente Navigation: Gleiche Elemente an gleicher Stelle
Fehler erklären:
<input type="email" aria-describedby="email-error">
<p id="email-error" role="alert">
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
</p>
Robust: Technisch solide
Semantisches HTML:
<!-- Schlecht -->
<div class="button" onclick="...">Klick mich</div>
<!-- Gut -->
<button type="button">Klick mich</button>
ARIA nur wenn nötig:
<!-- Nötig: Custom-Komponente -->
<div role="tablist" aria-label="Produktkategorien">
<button role="tab" aria-selected="true">Schuhe</button>
<button role="tab" aria-selected="false">Jacken</button>
</div>
Barrierefreiheit testen
Automatisierte Tests finden nur ~30% der Barrierefreiheitsprobleme. Der Rest erfordert manuelles Testen und idealerweise echte NutzerInnen mit Behinderungen.
Tastatur-Test – Maus weglegen, nur diese Tasten nutzen:
Barrierefreiheit testen – Werkzeuge
Automatisierte Tools (finden ~30% der Verstöße):
| Tool | Typ | Findet |
|---|---|---|
| WAVE | Browser-Extension | Kontrast, Struktur, Tab-Reihenfolge |
| Lighthouse | Chrome DevTools | Performance + A11y-Audit |
| Pa11y | CLI | CI/CD-Integration |
| axe DevTools | Browser-Extension (Pro · Profi-Tool) | Detailanalyse, Regel-Engine |
Screenreader (OS-nativ oder OSS):
| OS | Screenreader | Hinweis |
|---|---|---|
| macOS / iOS | VoiceOver (Cmd + F5) |
builtin |
| Windows | NVDA · Narrator | NVDA OSS, Narrator builtin |
| Linux | Orca + espeak-ng | GNOME builtin |
| Android | TalkBack | builtin |
Manueller Test: SR aktivieren, Formular ausfüllen. Einarbeitung nötig – "Augen schließen" bildet echte SR-Nutzung nicht ab.
Gold-Standard: Usability-Tests mit Menschen, die Assistive Technologien täglich nutzen.
Barrieren im Netz vermeiden (a11y)
Tastatur-Test:
- Alle Funktionen sind nur mit Tab + Enter nutzbar
- Fokus immer sichtbar: Textlinks, Buttons, Texteingabe etc.
- Logische Tab-Reihenfolge: "Skip to main", Navigation, Hauptinhalt
Screenreader-Test:
- VoiceOver (Mac):
Cmd + F5 - NVDA (Windows): Gratis-Download
Tools/Browser-Extensions:
Fragen & Diskussion
Kontakt: lb-czechowski@hdm-stuttgart.de
Lizenz
Diese Präsentation ist lizenziert unter Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)
Basiert auf Material von:
- Michael Czechowski
- Markus Thamm / Wolfgang Gruel (HdM Stuttgart)
Vollständige Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/














































